Tulla Larsen und Edvard Munch
bei Taylor Wessing 2024/2025
organisiert von Galerie Holthoff
mit Werken von Markus Keibel
Brief an Thomas Holthoff in der Vorbereitung für die Ausstellung der zeitgenössischen Interpretation von Edvard Munch
Du sollst dein eigenes Leben schreiben
An der Schwelle der Erkennbarkeit der Auswirkungen der Moderne richtet Edvard Munch seinen existentiellen Blick in die Erforschung des Inneren und die eigene Zerrissenheit. Die Zerrissenheit welche die Moderne in ihren Errungenschaften und gleichzeitigen Abgründen der Entmenschlichung kennzeichnet. Dieser Blick in die Abgründe der kollektiven Gefühlslage, der Suche nach dem was hinter dem rein Materiellen, den Blick hinter den Spiegel, welche Munchs Zeit ausmacht, kommen frühe persönliche Erlebnisse von Krankheit und Tod, die sein zukünftiges Werk bestimmen werden. Seine Malerei ist eine Zerlegung der Seele, einer Psychoanalyse von Angst, Einsamkeit und Melancholie, eine Visualisierung von Depression und Dunkelheit. Der im Gegenzug dazu die Direktheit der oft komplementären Farbgebung in den vornehmlich gewählten Primärfarben und den weichen, fließendes, amorphen Pinselstrichen steht. Diese Spannung zwischen den Abgründen der dargestellten Gesichtern der Angst und des Schmerzes und den fast farbenfrohen Darstellungsentscheidungen, überforderten seine Zeitgenossen und machen dennoch die ungeheure Anziehungskraft seiner Malerei bis in die heutige Zeit aus und führen zu der Frage, warum wir uns in Munchs Werk so sehr wiederfinden? Es scheint, als ob diese Fragen der Moderne bis heute keine klärenden Antworten gefunden haben und wir in der sublimen Direktheit seiner Bilder Hinweise und Verbindungen zu unserer eigenen Dissonanzen finden können. Die Erkenntnisse dieses hellsichtigen, einsamen Künstlers Edvard Munch scheinen uns zu helfen, nicht nur den Dämonen unseres Inneren und den fast bipolaren Verwerfungen der Gegenwart begegnen zu können, sondern auch unser eigenes Leben selbst zu schreiben und in einer Interpretation seines Werkes eine konsonantere Zukunft zu erahnen.
Die Dissonanz des Werkes von Edvard Munch wird im äußeren durch die Wahl meiner verwendeten Materialien zum Ausdruck gebracht. So werde ich als Malgrunglage Seide verwenden und diese auf Aluminiumkeilrahmen aufspannen. Die Seide läßt das technische Aluminium durchscheinen und das Metall konterkariert die Zartheit des feinen Gewebes. Die Farben heben sich aus der komplementären Auswahl an Primarfarben und die Kompositionen werden dem amorphen Formen Munchs folgen und als Ausgangstür Bilder wie: Madonna, Melancholie, Genius, Schrei und Winternacht benutzen. Das Format hält sich im Raum der meisten Bilder jener Zeit von ca 70cm x 100cm und wird zum Schutz nur mit einer Schattenfuge präsentiert. Das monolithische der dunklen Gedanken findet sich in geometrischen schwarzen Formen auf den Interpretationen wieder. Das Vorhaben ist es die Emotionen der munch ́schen Zeit in die Gegenwart zu holen und erlebbar und sichtbar zu machen und gleichzeitig ein zukünftiges Fenster zu öffnen.
Du sollst dein eigenes Leben schreiben ist das Motto von Hans Jäger, dem Kopf der Gruppe radikaler Freidenker, der sich Edvard Munch in seiner Jugend anschließt und dessen Gedanken sein Leben beeinflussen.
Markus Keibel, Berlin, im Juni 2024
Vor dem Sturm
Die Beziehung zwischen Edvard Munch und Tulla Larsen dauerte nur vier Jahre. Sie war für beide quälend, schmerzhaft und niederschmetternd. Natürlich beeinflusste sie Munchs Werk und die darin dargestellten Frauenbilder stark, ebenso wie seine Einstellung zu Frauen und zur Ehe im Allgemeinen. Und sie erhöhte auch die Zahl der Tage, die Munch sechs Jahre nach seinem Bruch mit Tulla in einer Nervenheilanstalt verbrachte, erheblich. Wenn man die Liste
der Ereignisse im Leben des jungen Edvard Munch betrachtet, könnte man meinen, er habe wirklich Glück gehabt. Zum ersten Mal bereiste er mehrere europäische Länder und besuchte alle wichtigen Museen mit finanzieller Unterstützung seines ersten Lehrers Frits Thaulow.
Danach reiste er, finanziert durch ein staatliches Künstlerstipendium, dreimal hintereinander nach Europa und besuchte Kurse des einflussreichen Malers Léon Bonnat in Paris. Munch war erst 26, als seine Einzelausstellung 1889 in Christiania (heute Oslo) stattfand. Er war noch keine 30, als die Norwegische Nationalgalerie ihr erstes Munch-Gemälde kaufte, Nacht in Nizza, und einige Jahre später – Selbstporträt mit Zigarette. Vier Schriftsteller (die befreundet waren) schrieben ein Buch über ihn.
Mehrere Jahre verbrachte Munch die Sommerzeit mit seiner Familie in Åsgårdstrand an der Westküste des Oslofjords und bereiste die restlichen neun Monate durch ganz Europa. Er lebte in Paris, Nizza, Le Havre, Antwerpen, Berlin und Kopenhagen, malte Porträts berühmter Schriftsteller, Künstler und Komponisten, trieb sich in Bohemien-Bars herum, machte überall wichtige Bekanntschaften und nahm an Ausstellungen teil. Außerdem war er gutaussehend, eloquent und charismatisch. Im Grunde genommen erscheinen dieser äußere Erfolg und die Lawine des Glücks jedoch eher als Versuch höherer Mächte, Munchs persönliche Ängste und Probleme zu kompensieren. All dieser triumphale berufliche Aufstieg war begleitet von einer Abfolge von Todesfällen von Angehörigen des Künstlers, langwierigen Krankheiten, Aufenthalten in Sanatorien, schlaflosen Nächten und endlosen, unerklärlichen Ängsten, die Munch sein ganzes Leben lang verfolgten und schließlich in eine Manie umschlugen.
Tulla Larsen war 29, als ein gemeinsamer Freund sie dem 35-jährigen erfolgreichen, modischen und gewinnbringend skandalträchtigen Künstler Edvard Munch vorstellte. Und bald beging Tulla einen der größten Fehler ihres Lebens – sie wollte ihn unbedingt heiraten.
Tulla Larsen war die Tochter eines reichen Weinhändlers und das elfte Kind einer großen Familie. Tullas Vater verdiente zu Lebzeiten so viel, dass er seinen zwölf Kindern sogar nach seinem Tod ein bequemes und sogar recht luxuriöses Leben garantieren konnte. Das Mädchen war erst sechs, als er starb, also wurde sie reich, bevor sie überhaupt lesen und schreiben lernte. Natürlich studierte sie später Englisch, Deutsch, Mathematik und Musik an einer privaten Mädchenschule, die von der berühmten norwegischen Folkloristin, Reisenden und Feministin Nikka Vonen gegründet wurde, und studierte auch Grafik in Berlin. Aber nach ihrer Rückkehr nach Norwegen nutzte sie ihr Wissen so, wie es die reichsten Frauen dieser Zeit taten – indem sie mit ihren gebildeten Reden laute Bohemien-Künstlertreffen in Christiania verschönerte und abwechslungsreicher machte.
It will hurt
Edvard Munch hatte Angst vor Frauen (wenn nicht sogar panische Angst vor ihnen). Er glaubte, dass Frauen Männern die kreative Energie raubten, ihnen das Leben aussaugten, genau wie Vampire, und dass es für einen Mann nichts Verhängnisvolleres gab als eine rührende Liebesaffäre. Man muss ihm allerdings zugutehalten, dass er nicht einmal versuchte, seine Meinung vor Tulla Larsen zu verbergen, und nie vorgab, ein fürsorglicher, zärtlicher Liebhaber zu sein (selbst auf dem Höhepunkt ihrer Liebesaffäre). Er machte weder Versprechungen noch unbegründete Hoffnungen. Er pflegte es ihr direkt von der Schulter zu sagen: „Du wirst fortwährend ein irdisches Glück mit mir suchen, der, wie ich dir immer erklärte, nicht von dieser Erde ist.“
Darüber hinaus vermuten die Forscher von Munchs Briefnachlass aus dem Haus des Künstlers, das heute ein Museum ist, dass er Tulla absichtlich nachlässig, grob und manchmal sogar aggressiv behandelte. Nur um sie zu entfremden und zu zeigen, dass von ihm nie etwas Gutes kommen konnte. Doch die unnachgiebige Tulla gab nicht auf. Auch nicht, als Munch ihr in einem Brief schrieb, sie könne mit dem Radieren beginnen. Er würde ihr sogar Bücher kaufen, damit sie ihren „nicht im Geringsten entwickelten“ Geist weiterbilden könne.
Es ist heute schwer zu sagen, was Tulla in der Nähe eines Mannes hielt, der sich so streitlustig um ihr geistiges Wachstum kümmerte. Es schien, als sei sie eine explosiv leidenschaftliche, impulsive und vielleicht sogar rücksichtslose und unbezähmbare Person gewesen. Ihre gesamte vierjährige Affäre mit Edvard Munch befriedigte ihre gemeinsamen Bedürfnisse nach Gefühlen, die am Rande des Unerträglichen, Schmerzhaften und äußerst Gefährlichen für die Gesundheit standen. Aber natürlich waren diese beiden ziemlich oft glücklich. Tulla und Edvard reisten oft zusammen, tranken viel, redeten, stritten und zankten sich. Und doch versuchte er ständig, einen Ausweg aus dieser Beziehung zu finden, und sie versuchte ständig, ihn in ihrer Nähe zu behalten. Daher war er oft lange Zeit allein unterwegs: Er nahm an Ausstellungen teil, studierte Raffael in Rom, lebte mehrere Monate in Berlin oder Paris oder behandelte im Winter seine unzähligen Krankheiten in Sanatorien. Nur ein Jahr nach ihrer Begegnung schrieb Munch an seine Geliebte: „Während der Zeit, die wir zusammen verbrachten – in all den Augenblicken – in denen wir eng beieinander lagen – in denen wir die herrlichen Wunder von Florenz betrachteten – in denen wir gemeinsam eine sonnenbeschienene Straße entlanggingen – in denen wir zusammensaßen – und selbst in den Augenblicken, die eigentlich die glücklichsten hätten sein sollen – selbst dann strahlte das Glück nur wie durch eine angelehnte Tür auf mich – eine Tür, die meine dunkle Zelle vom hell erleuchteten Ballsaal des Lebens selbst trennte.“ Um ehrlich zu sein, bei weitem nicht das romantischste Liebesgeständnis.
Trotz ihrer gelegentlichen und überwiegend kurzen Begegnungen entzündeten sich die Beziehungen zwischen den Liebenden wie der Himmel in Munchs Landschaften. Vorwürfe, Drohungen, Überredungsversuche, Erpressungen – all dies flog in dicken Briefumschlägen von Christiania nach Berlin und von Paris nach Christiania. Die Wolken wurden dichter – der Sturm zog auf. Alle gefährlich geladenen Gewehre, die an den Wänden ihres Liebesnests hingen, waren im Begriff, gleichzeitig Salven abzufeuern. Und der Sturm kam tatsächlich. Und die Waffen feuerten, genau wie erwartet.
Munchs Finger
Eine winzige Episode in Munchs Leben, eine skandalöse Szene eines Bruchs mit einer Frau, ist in all seinen Biografien fast legendär geworden. Biographen, Kritiker und Journalisten von Hochglanzmagazinen kommen mit einer nicht allzu großen Bandbreite an Fakten aus (Munch war zurückhaltend, was wirklich zwischen ihnen geschah), und erfinden immer wieder ihre eigenen Kampfszenen und schreiben Hollywood-würdige Drehbücher. Einige von ihnen, wie der britische Kunstkritiker Robert Hughes, verfolgten einen anderen Ansatz und stempelten den Künstler mit Diagnosen ab, während sie behaupteten, dass er wie jeder Neurotiker sein eigenes Leiden übertrieb, nach öffentlicher Aufmerksamkeit gierte und sein eigenes Opfer romantisierte.
Nun ist es Zeit für die skandalöse Szene des Bruchs selbst. Edvard Munchs Reisen nach Europa wurden häufiger und länger. Er und Tulla trafen sich selten, der Ton seiner Briefe wurde genervt und unzufrieden. Obwohl es scheint, dass nichts die Empfehlung übertreffen könnte, ihren Geist zu erziehen.
Am 23. August 1902 erhielt Munch einen Brief von seinem Freund, in dem er schrieb, Tulla habe versucht, Selbstmord zu begehen. Die Ärzte, die ihr zu Hilfe kamen, fanden zwei leere Morphiumflaschen neben ihrem Bett. Er kam am nächsten Tag zu ihr und weigerte sich, über ihre gemeinsame Zukunft zu sprechen, angeblich wegen ihrer Schwäche und ihres ungeeigneten Zustands für schwierige Gespräche. Munch versprach, für kurze Zeit nach Berlin zu fahren (Arbeit, Ausstellungen) und nach seiner Rückkehr Tulla das ernste Gespräch zu geben, auf dem sie bestand. Überraschenderweise verlief die Reise sehr schnell – und Anfang September kehrte er nach Norwegen zurück. Tulla kam zu ihm nach Hause. Über das weitere Geschehen ist fast nichts bekannt, außer dass Munch, als er sich im selben Raum mit Tulla aufhielt, eine Schusswunde an einem Finger seiner linken Hand erlitt. Es könnte sein, dass er versuchte, Selbstmord zu begehen, sich aber nur traute, sich selbst zu verletzen, oder dass Tulla ihn (oder sich selbst) erschießen wollte und er versuchte, sie davon abzuhalten. Entweder machte Tulla einen Aufstand, oder Edward konnte sich nicht beherrschen. Man sagt, dass neben der Waffe und den beiden verzweifelten Liebhabern auch ein paar Flaschen Brandy eine bedeutende Rolle bei diesem Vorfall spielten, die zum Zeitpunkt der Schießerei fast leer waren.
Das Letzte, was Tulla in Munchs Leben tat, war, einen Arzt für ihn zu rufen. Sie sahen sich nie wieder. Aber beide überlebten und lebten sehr lange getrennt voneinander.
Nach dem Schuss
Ein Jahr später heiratete Tulla den zehn Jahre jüngeren Künstler Arne Kavli, der zarte, berührende Porträts seiner Frau malte. Sieben Jahre später ließen sie sich scheiden, doch sie heiratete noch im selben Jahr erneut – und lebte zehn Jahre mit ihrem zweiten Mann zusammen. Das ist alles, was wir über Tullas Leben wissen: Nach dem Bruch mit Munch interessierten sich die weltlichen Chroniken und Kunsthistoriker nicht mehr für sie. Was Munch selbst betrifft, so brauchte er lange, um die Trennung und vor allem auch die Schießerei zu verkraften. Zunächst sägte der Künstler ein Selbstporträt von ihm und Tulla Larsen auf, spaltete die Leinwand in zwei Hälften und malte später eine drama tische Szene, in der er nackt und bewusstlos auf einem Operationstisch liegt. Er ist von Ärzten umgeben, während Studenten oder Zuschauer die Operation durch das Fenster beobachten und die Krankenschwester mit einer blutgefüllten Schüssel näherkommt. Robert Hughes stellte ironisch fest, dass Munchs Verletzung nicht komplizierter als ein eingewachsener Nagel war, und sein Gemälde Auf dem Operationstisch ist eine lächerliche Übertreibung und das schlimmste Beispiel für Selbstmitleid, das Rembrandts Anatomiestunde des Dr. Nicolaes Tulp ähnelt. Natürlich war der Kunstkritiker in seinem Wunsch, originell zu sein, unaufrichtig: Vergessen wir nicht, dass Munch der erste expressionistische Künstler war und es ihm wichtig war, seine eigenen Erfahrungen darzustellen, anstatt das Wesentliche der Ereignisse. Und damals überlagerte sich die blutige Geschichte mit einem Finger mit den trüben Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend, voller Krankheiten, Todesfälle und Trauer seiner Lieben. Dieses Gefühl der Zerbrechlichkeit und Untergangsstimmung ließ den Künstler nie los. Sogar einige Jahre später stellte Munch Tulla weiterhin als Mörderin dar. Ihre Gesichtszüge finden sich in seinem Bild von Charlotte Corday wieder, die den französischen Revolutionsführer Marat ermordete. Das rote Haar der Frau weht bedrohlich, während ihr Gesicht undurchschaubar und tödlich gefühllos ist. Natürlich stellte er sich selbst als den toten Marat dar. Außerdem malte er zwei Versionen dieser Szene. Unnötig zu erwähnen, dass überall viel Blut ist. Tulla hatte lange Zeit das Familienglück genossen, der Finger war vor langer Zeit verheilt (nur kürzer geworden) und es war seine linke Hand, nicht die dominante – was es nur ein wenig schwierig machte, die Palette zu halten. Aber Munchs Angst, Frustration und Furcht wuchsen jedes Jahr. Es wurde nicht einfacher. Gleichzeitig wurde die Liste der beruflichen Errungenschaften des Künstlers länger: 22 Werke aus der Serie „Frieze of Life“ wurden in der Berliner Secession ausgestellt, er hatte Ausstellungen in Wien, Prag und Paris, er unterzeichnete zahlreiche Verträge mit Verlagen grafischer Alben und Kunsthändlern aus verschiedenen europäischen Ländern. Schließlich wurde ihm das Großkreuz des Ordens des Heiligen Olav verliehen – ein spezieller norwegischer Orden, der für besonders würdig erachtete Empfänger bestimmt ist. Im selben triumphalen Jahr erlitt Munch einen Nervenzusammenbruch und verbrachte die folgenden acht Monate in einer privaten psychiatrischen Klinik.
Eine lächerliche Verletzung, nicht komplizierter als ein eingewachsener Nagel, schien viel komplizierter zu sein.
Literweise verlorenes Blut, das er nach seinem Bruch mit Tulla mehrere Jahre lang so beharrlich malte, entpuppte
sich als Metapher für die Vitalität, die er nach und nach verlor, und den Seelenfrieden, der ihn langsam verließ.
Die visuelle Ähnlichkeit des Hutes von Tulla Larson und Caravaggios Medusa
und der ungerechten Behandlung des Patriarchats der Frauen durch die Geschichte der Menschheit
Medusa lebte mit ihren beiden Schwestern Stheno und Euryale jenseits des großen Ozeans am Rand der Welt. Der griechische Dichter Ovid greift in seinen Metamorphosen ihr Schicksal auf. Er beschreibt sie als berückend schöne Jungfrau, welche die Aufmerksamkeit des Meeresgottes Poseidon erregte. Er näherte sich ihr im Tempel der Göttin Athene (römisch: Minerva, zuständig für Strategie und Weisheit, Kampf, Kunst und Handwerk) und missbrauchte sie im Schrein der Göttin, die das Geschehen ansah und vor Zorn raste. Ovid schildert die bis dahin bestehende Schönheit Medusas als außergewöhnlich, fast überirdisch: ihre einstigen Reize seien so groß gewesen, dass um ihre Liebe eine Schar neidvoller Liebhaber buhlte. Jeder von ihnen schwor, nie zuvor bewegendere Züge in einem schöneren Gesicht gesehen zu haben, bei dem vor allem das Haar hervorstach Diese Schönheit raubte Poseidon, dem Fürst des Meeres, den Verstand und so brachte er Medusa in seine Gewalt und mißbrauchte sie. In den Erzählungen von Ovid, in denen Medusa nicht von Anfang an ein schreckliches Monster war, spielt nun Athene eine gewichtige Rolle. Athene ist nicht nur neidisch auf die Schönheit Medusas, sondern auch bestürzt über die Schändung. Da sie den Gott Poseidon nicht bestrafen kann wird Medusa doppelt bestraft und in ein Ungeheuer mit Schlangenhaaren, langen Schweinshauern, Schuppenpanzer, bronzenen Armen, glühenden Augen und heraushängender Zunge verwandelt und jeder der sie ansieht erstarrt zu Stein. So führt die Vergewaltigung der Medusa zu einer doppelten Bestrafung. Athene, der Medusa ihr Leben lang gehuldigt hatte, wird von dieser, die sie hätte beschützen müssen, verraten und verflucht als Monster zu leben.
Diese Geschichte der Frauenverachtung ist bis in unsere Gegenwart zu beobachten und eine Blaupause, wie ein entstelltes Patriarchat bis heute juristisch und sozial vorgeht und Frauen nicht nur schändet, sondern auch noch dafür bestraft.
Die Verbindung von Tulla Larson und Medusa fusst auf einer visuellen Ebene und trifft ihre Überschneidung in der Erzählung von Larson als dem Monster, dass dem Malergenie fast den „Garaus“ machte und somit sozial geächtet wurde, wohingegen Munch die Geschichte des Schusses und dem „Angriff“ der Frau zu einem biographischen und künstlerischen Merkmal machte. Gefeiert von der Kunstgeschichte und ihren männlichen Narratoren. Deswegen liegt der Schwerpunkt meiner Interpretation des Munch´schen Werkes, in der Hinwendung auf die unterdrückten und vergessenen Heroinen in seiner Biographie und legt den Fokus auf, dass was gesellschaftlich verändert werden sollte und regt so nicht nur zum sehen und begreifen, sondern auch zum handeln an.
Michelangelo Merisi da Caravaggio, Medusa, Öl auf Leinwand, 60 x 55 xm, 1597, Uffizien in Florenz
Mit Dank an Thomas Holthoff, Familie Wobbe und Heather Coté.
Copyright: Markus Keibel,2025










