Brut Force

Vernunftträume

Der Krieg der Vernunft muss gegen sie selbst geführt werden, insofern sie Anmaßung darstellt, Reduktion sämtlicher Realitäten auf das Vernunftprinzip, Subordination der Welt auf den Begriff. Tatsächlich gehört zum Traum der Aufklärung genannten Sequenz der okzidentalen Metaphysik, der Versuch das Alogon oder Nichtbegriffliche in den Vernunftkäfig zu sperren, es wie ein wildes Tier zu domestizieren. Es war der Versuch, alles Differente der synthetischen Macht des identifizierenden Denkens zu unterstellen, wie Adorno es nennt. Der Traum der Aufklärung ist der Traum der Einheit und einer gewissen Universalität: Traum der Verständigung und Gemeinsamkeit im Zeichen der Vernunft. „Aufklärung“, sagt Heiner Müller, „war der Versuch, den Turm zu Babel wiederaufzubauen. Man glaubte, in der Vernunft die gemeinsame Sprache wiederentdeckt zu haben. Das war die Unterdrückung aller anderen Sprachen durch die Rationalität. Das Ur-Trauma unserer Zivilisation ist die Sprachverwirrung, der Verlust einer gemeinsamen Verständigungsbasis. Jetzt ist der Turm – das Projekt Aufklärung – eingestürzt. Man kann den Turm nicht wiederaufbauen, aber man kann ihn in Bewegung übersetzen. Mit dem Tod der Reflexion, als konstituierender Macht, sind alle anderen Sprachen wieder freigesetzt. Die können jetzt wieder gesprochen werden.“ Genau genommen ist der Verlust einer gemeinsamen Verständigungsbasis nicht viel mehr als der Verlust des Traums von ihr, denn es hat sie nie anders denn als Traum gegeben, weshalb von ihr zu träumen aufzuhören nicht zwingend bedeutet, mit dem Träumen aufzuhören. Es heißt, dass auch der Traum von den unendlich vielen Sprachen, der Differenztraum, den der Poststrukturalismus träumte, als solcher identifiziert sein muss. Träume folgen einer Logik, die nach Begriffen schreit noch dann, wenn sie das Subjekt ins Nichtbegriffliche reißen, um ein Traumdenken zu mobilisieren, das psychoanalytisch sein kann. Bereits im Herzen der Aufklärung insistiert der Traum der Vielsprachigkeit; nicht als Trauma, sondern als Chance einer sie gleichermaßen erhaltenden wie der Idee kommunikativer Vermittlung anschließenden Vernunft. Es handelt sich um eine Vernunft, die um ihre Unvernunft weiß, weshalb zu ihrer Selbstbejahung Differenzbejahung gehört.

Text von Marcus Steinweg

Die Arbeit. “Naked Philosopher” aus der Ausstellung Brute Force weicht von der Serie der verbrannten Bücher ab, da der Philosoph Marcus Steinweg noch lebt habe ich ihn nach seinen Kleidern anstatt seinen Texten gefragte, diese verbrannte und als Asche in das Bild mit eingearbeitet habe. Asche, Acryl auf Aluminium, 200 x 400 cm, 2014.

Fotografie: Simon Vogel

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