„Keine Regierungsform ist so großen Erschütterungen ausgesetzt als die Demokratische. Weil keine Andere so heftig und so unaufhörlich nach Veränderungen der Form strebt und keine mehr Wachsamkeit und Mut zur Aufrechterhaltung ihrer bestehenden Form verlangt.“ Jean-Jacques Rousseau, 1762.
In einer Zeit des grassierenden Irrationalismus, in der sich Reaktionismus, Nationalismus und ein Angst schürender Populismus ausbreiten, ist es notwendig den Geist der Aufklärung wieder zum leuchten zu bringen und mit dem kant ́schen Sapere aude den Menschen zuzurufen: Habe den Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Um dieses Selberdenken anzuregen setzt Markus Keibel in den Räumen der Galerie MaxWeberSixFriedrich seine provozierende Serie der verbrannten Bücher fort und zeigt in der Ausstellung „Idyll und Paranoia“ einen Zyklus von sieben neuen Arbeiten. Die Auswahl der verbrannten Bücher waren auf dem Index Librorum prohibitorum der katholischen Kirche, dem Verzeichnis der verbotenen Bücher, welches erst nach dem zweiten Vatikanischen Konzil 1966 nicht mehr weitergeführt wurde und auf dem über 6000 Bücher standen.
Die verwendeten Bücher dieser Liste sind:
- Thomas Hobbes – Leviathan
- René Descartes – Meditationen über die Grundlagen der Philosophie
- Immanuel Kant – Kritik der Urteilskraft
- David Hume – Untersuchung über die Prinzipien der Moral
- Thomas Morus – Utopia John Milton – Das verlorene Paradies
- John Stuart Mill – Über die Freiheit
Die Asche dieser Bücher zensieren in einem schwarzen Balken die darunter liegende Farbvielfalt auf den Leinwänden. Die unmögliche Tat der Verbrennung von Dokumenten der Aufklärung und des Humanismus ist zum einen eine alchemystische Metamorphose von Stoffen, zum anderen eine Anmaßung und Herausforderung sich über den Verlust von Wissen Gedanken zu machen und dem Wert dessen was wir verlieren können zu bedenken und gleichzeitig zu visionieren, wie eine zukünftige Welt aussehen sollte.
Mind on fire
Im Anfang war das Wort. Wort wurde Erzählung. Erzählung wurde Schrift. Schrift wurde gedruckt. Gedrucktes wurde digitalisiert. Das Digitale ist in der Cloud. Die Cloud ist allgegenwärtig, ist das kollektive Bewusstsein. Im Digitalen ist alles Idee. Ist Bild. Nichtlinear und Imaginativ. Was passiert mit der Schrift und dem Behältnis der Schrift dem Buch? Was passiert mit uns, dem Leser / dem User? Werden wir semantische Zusammenhänge von Texten noch verstehen? Machen Smartphones das eigene Gedächtnis obsolet, oder eröffnen sie einen zukünftigen Gedankenfreiraum? Die Ausstellung “Idyll und Paranoia” ist eine Untersuchung über die Wandlung von gedrucktem Wort in die digitale Darstellung der Welt und ihrer Gedanken. Durch eine Umcodierung des haptischen Buches, durch die Metamorphose des Feuers in ein neues Bild, werden gesellschaftlichen Veränderungen sichtbar und diskutierbar gemacht und erlauben die Veränderung von Schrift und Bild im digitalen Zeitalter zu begreifen. „Bisher war das Denken ein fortschreitender Prozess, der sich von Bildern und Vorstellungen loslöst, sie kritisiert, um immer begrifflicher zu werden“, der sich gegen Magie und Mythos auflehnt und ein Bilderdenken überwinden wollte. Jetzt kehrt das Bild als komputiertes, als digitales Bild des Fortschritts in einem neuen magischen Sein zurück und es bedarf Kriterien der analogen und virtuellen Bildlesbarkeit, um dem Siegeszug des Bildesaufgeklärt zu begegnen.” (Vilem Flusser)
Die Arbeit Alles in allem, Simone de Beauvoir besteht aus sechzehn Stahlplatten je 60 × 40 cm die magnetisch an einem Stahlgestell halten und beliebig ausgetauscht werden können. So besteht die Möglichkeit 1024 Variationen zu bilden. Auf dieser Seite die Ursprungsmalerei von: Alles in allem, Simone de Beauvoir. Acryl, Epoxid, Asche auf Aluminium auf Stahl, plus Magnete. 160 × 240 cm. 2021.

















