Where the spirit touches the bone
Retrospektive Austellung von Markus Keibel in der
Klosterscheune im Zisterzienser Kloster in Zehdenick 2024/2025
Das Altartuch des Klosters Zehdenick als Ausgangspunkt für eine integrative Debatte
Die Ausstellung „Where the spirit touches the bone“ in der Klosterscheune im Zisterzienser Kloster in Zehdenick vom 17.11.2024 bis zum 28.02.2025 gibt nicht nur eine retrospektiven Überblick der verschiedenen Werkphasen in der Arbeit von Markus Keibel- der Beschäftigung mit dem Werkstoff Glas und seinem scheinbar demokratischen Versprechen an gesellschaftlicher Teilhabe, der kritischen Beleuchtung von Zensur und den damit verbundenen provokanten Bücherverbrennungen und der Entwicklung aus diesen und der entstandenen Asche Skulpturen und ein malerisches politisches Werk zu schaffen, sondern beschäftigt sich ganz besonders mit dem Ort Zehdenick und seinen EinwohnerInnen und dem Kloster selbst. Das Nonnenkloster Zehdenick, welches im Jahr 1250 als ein Ziste zienser Kloster gegründet wurde, hinterließ nicht ein gotisches Kleinod, sondern ein über die Landesgrenzen hinaus bekanntes handwerklich erstaunliches Relikt: das Zehdenicker Altartuch. Das Altartuch, welches zwischen 1250 und 1300 von den Nonnen des Klosters gestickt wurde und in der Nikolaikirche in Berlin zur ständigen Ausstellung gehört, erzählt nicht nur in den 76 filigranen Stickereien die Geschichte von Jesus und Maria, sondern legt den Blick im besonderen auf Maria. Auf dem ausserordentlichen Tuch, mit seiner Größe von fast zwei auf vier Metern ist nicht nur ein historisches Dokument zu sehen, sondern es gewährt uns einen Einblick in die Unabhängigkeit und Selbst ständigkeit der Nonnen und iher selbstbewussten Interpretation der biblischen Geschichte und der Rolle der Frauen in dieser. So wird die Geschichte Marias auch außerhalb der biblischen Erzählung geschildert und kann in zeitgenös sischer Sprache als feministisches Manifest gelesen werden.
So fängt die Wissenschaft erst langsam an sich mit den „unerhörten Frauen“ des Mittelatlers zu beschäftigen und die aus heutiger Sicht fast vergessenen und über Jahrhunderte verdrängte Geschichte der Frauenbewegung im frühen Mittelalter zu beleuchten und die erfolgreiche Unabhängigkeit der Frauen dieser Zeit zu würdigen. Angefangen mit den Beginen haben sich im 12. Jahrhundert spirituelle Gemeinschaften mit demokratischen Zügen und einer starken solidarischen Unterstützung von Frauen für Frauen gebildet. Die Entscheidung nicht hörige und unterdrückte Gebähr maschine zu sein, sondern ein gebildetes, geistiges, handwerkliches unabhängiges Leben zu führen verbreitete sich über ganz Europa und führte zu Gründungen von Frauenhäusern und später auch zu Nonnenklöstern.
Die geistige Unabhängigkeit von Staat und Kirche und der wirtschaftliche Erfolg der Klöster, riefen ab dem 14. Jahr hundert die Neider auf den Plan und die Macht der Frauen wurde zunehemend eingeschränkt und beschnitten und führte durch die Inquisition zu Enteignung, Verbrennung oder dem Einmauern der Nonnen. Zudem wurden die meis ten Dokumente dieser Emanzipationsbewegung von der männlichen Seite von Staat und Kirche dem Feuer überge ben und so gibt es bis heute kaum Schriften aus dem Mittelalter und der Geschichte der Frauen. Dank der Arbeit von den Professorinnen Henrike Lahnemann und Eva Schlothuber und ihren Buch: Die unerhörten Frauen, die Netzwerke der Nonnen im Mittelalter, bekommen wir über das autonome Leben der Frauen in diesen Jahrhunderten eine Ahnung dieser schon erreichten Freiheit des Miteinanders.
Mit der Einladung eine Ausstellung in der Klosterscheune im Kloster in Zehdenick zu realisieren, führte die Recherche der Besonderheiten des Ortes zu dem Altartuch und meiner eigenen visuellen Interpretation der einzelnen Bilder der Stickereien und ihren Bedeutungen. So brauchte es einen detektivischen Spürsinn das Gesehene und vermutetete in sein geschichtliches Licht zu setzen und die besonderen Darstellungen der Frau und ihrer Rolle in der religiösen Erzählung wissenschaftlich zu fundieren. Die entstandenen fünf Malereien auf Seide, sind zum einen eine Interpretation dieser Erkenntnisse, des weiteren ein Startbild sich mit dieser ungekannten Geschichte zu beschäftigen. So ist die Kunstscheune, Ort der Ausstellung „Where the spirit touches the bone“, schräg gegenüber dem Museums des Klosters, in dem eine originalgroße Kopie des Altartuchs gezeigt wird und das zeitgenössische und historische ein Verständnis erschaffen können, wie wir eine zukünftige Gesellschaft bilden wollen, in der Gleichberechtigung, Menschlichkeit und Miteinander das Fundament bilden auf dem wir lebendig miteinander Leben wollen.
Vier aus den 76 Leinenstickereien: Bild 1,2 und 4 stellen das Pfingstwunder dar, in dem allerdings Maria und nicht Jesus im Zentrum sitzt und von den Jüngern angebetet wird (Jesus hat in allen Darstellungen ein Bart und unterscheidet sich deuttlich von Maria). Bild 3: Salbung durch Maria.
White papers of resistance von 2022 ist ein Werk welches sich mit den Widerstandsbewegungen gegen den Ukrainekrieg solidarisiert und die Perversion des Krieges und die Unterdrückung von Dagegensein bebildert. Den Demonstrierenden wurden Aussagen verboten und so wurden weiße Papiere die Botschaft der Resistance.
Acryl auf Leinwand, 210 x 900 cm, in sechs Leinwänden.
Einblicke in die Werkphasen von Freiheit, Transparenz, Zensur und Emanzipation
Aus der Ausstellung UltraAnmesia von 2015 werden zwei Arbeiten gezeigt:
Freidenker und große Brockhaus in zwölf Bänden von 1953
Die zwölf Bände des Brockhaus wurden verbrannt und aus der Hälfte der Asche entstand ein Bild und ein Glasrohr wurde mit der anderen Hälfte der Asche gefüllt.
Aus jedem Band wurde vorher ein Begriff ausgesucht nach dem sich die jeweilige Arbeit visuell orientiert.
Die Begriffe sind: abstrakt, Bilderstreit, Enzyklopädie, Freidenker, Idealismus, Komödie, Levitation, Öffentlichkeit, Phantasma, Sensualismus, Spektakel und Zufall
Zudem wurden jedem Band alle Bildseiten entnommen und als zeichnerische Grundlage zur Annährung an den jeweiligen Begriff benutzt. Aus den 12 Bildern (160 cm × 110 cm, Acryl, Asche, Tusche auf Leinwand), den 187 Zeichnungen (24 cm × 15 cm, Tusche auf Papier) und der Skulptur (220 cm × 200 cm × 60 cm, Glas, Asche, Acryl, Stahl, 2014) besteht die Ausstellung UltraAmnesia
Die Arbeiten der Flambeaux´s entwickelten sich aus dem Gedanken die Einwohnerinnen von Zehdenick in die Aus stellung zu integrieren, so wie ich dies in an vielen anderen Orten schon getan habe. Die Integration findet sich als eine Fortführung oder Erweiterung der sozialen Plastik von Joseph Beuys. Es sollten die Frauen von Zehdenick nach ihren Lieblingsfarben gefragt werden und diese wären dann auf jeweils ein Aluminiumrohr gemalt worden. Ein zusätz licher Handabdruck hätte die Stangen weiter individualisiert und Interesse an Kunst und Ausstellung erzeugt. Durch äußere Umstände konnte dieses Vorhaben in Zehdenick nicht realisiert werden und wartet so auf seine Realisierung. Deswegen wurden die Farben von mir ausgewählt und die Zahl auf zwölf begrenzt.
Die Flambeaux´s orientieren sich in ihrer visuellen Gestalt an dem Werk von André Cadere. 1970 entwickelte er die Barre de bois ronde, die er als mobiles Kunstwerk überall hin mitnehmen und zeigen konnte. Die handgefertigten Stäbe wurden in sieben Varianten, als ›Permutationen‹, hergestellt, die stets einem konzeptuellen Muster folgen, jedoch einen absichtlichen Fehler beinhalteten. Die Stäbe verstand Cadere als dreidimensionale Malerei. Die Verbin dung der Gedanken durch eine Zugabe eines Gegenstandes in ein Umfeld den sozialkulturellen Kontext zu verändern von Cadere und der beuys´schen Bewusstmachung durch Teilhabe am sozialen Umfeld MitgestalterInn der Gesellschaft zu werden und die soziale Plastik mit zu formen, soll in den Flambeaux´s verbunden werden. Die tanzende Hängung erfüllt den Raum und die BetrachterInnen mit Freude.
Flambeaux, 1 bis 12, Acrylfarbe auf Aluminiumrohr, 210 cm, 5 cm Durchmesser, Nylonfaden, 2024.
Über den stillen Protest
Der zeitgenössische Künstler Markus Keibel zeigt in der aktuellen Ausstellung der Kunstscheune die Arbeit „White papers of resistance.“ Es ist ein großformatiges Werk von neun Metern Länge, das in abstrakten Formen und reduzierter Farbigkeit von schwarzen und weißen Flächen dominiert wird. Die hellen Flächen rekurrieren auf die weißen Blätter, die als stiller Protest gegen autoritäre Staatsgewalt, unter anderem in Russland und China, in jüngster Zeit hochgehalten wurden. Bewegt man sich vom zeitgenössischen Kunstraum weg, über den Klosterhof, in das wenige Schritte entfernte Klostermuseum, so begegnet man dort der Abbildung des Zehdenicker Altartuchs aus dem 13. Jahrhundert. Es bildet auf kleinteiligen, handgefertigten Stickereien die Geschichte Marias ab. Das Altartuch wurde von Nonnen des damals ansässigen Zisterzienser-Klosters angefertigt. In der Auseinandersetzung mit dem Ort, entdeckte Markus Keibel früh, dass die Marien-Erzählung, die von den Klosterfrauen gestickt, eine andere Lesart eröffnet als üblich. Tatsächlich referenzierten die Zisterzienserinnen – selbst durchaus bewusste und unabhängige Klosterfrauen des Mittelalters – eine Interpretation der Maria, die vermutlich auf das Buch „Legenda Aurea“ von Jacobus de Voragine zurückgeht: Maria als selbstbestimmte, eigenständige Figur. Der Gedanke einer Identifikation der Zisterzienserinnen mit dieser Art von Maria liegt nahe. Diese besondere Marien-Interpretation wurden im Lauf der Geschichte von – männlich-dominierten – Meinungen verdrängt bzw. über deckt. Keibel holt diese vergessene, verdeckte Geschichte hervor, indem er in einer eigens für den Ort geschaffenen Arbeit einzelne Motive aus dem Altartuch auswählt und die „alte“ Interpretation künstlerisch bearbeitet und wieder thematisiert. Der helle, weiße Untergrund wird hier abermals zum Medium einer vergessenen oder unerwünschten Erzählung, die über das Stille und Zarte ihre Kraft erhält.
Dr. Kristina Schrei
Mit Dank an die Kuratorin Maria Meyer, an Eva Elm, die Mitarbeiter der Kunstscheune und des Museums des Klosters Zehdenick, die Familie Wobbe und Heather Coté.
Copyright: Markus Keibel, 2025.


























